Vortrag zum Thema: Spiritualität und der Mensch in der Moderne
Meine Damen und Herren, beim Thema Spiritualität hat jeder andere Assoziationen in seinem Kopf. Jeder verbindet mit Spiritualität etwas anderes. Der eine verbindet damit kirchliche Spiritualität, in Form von christlichem oder religiösem Leben. Ein anderer verbindet damit eventuell Leben als Meditationsmensch irgendwo im Himalaja.
Es sind viele Assoziationen zum Thema Spiritualität vorhanden und dieses Thema wird natürlich auch in vielerlei Hinsicht von sehr vielen verschiedenen Richtungen her beleuchtet, aber es gibt ein Grundthema, an dem diese Thematik sich aufbaut und das ist seit Urzeiten, egal welcher Herkunft der Mensch ist, egal in welcher konfessionellen oder kulturellen Zugehörigkeit er sich befindet, Spirit d.h. Geist.
Ein spiritueller Lebensweg ist generell ein Weg der uns dazu verhelfen soll, unsere geistigen Potentiale zu entfalten. Die Wege, die dann dazu beschritten worden sind, bis zum heutigen Tage, die unterscheiden sich dadurch, das wir natürlich verschiedene Kulturen hervorgebracht haben, mit unterschiedlichen Sprachen, mit unterschiedlichen Ritualen, mit unterschiedlichen Assoziationen. Von da her ist natürlich von Kultur zu Kultur die Interpretation dessen, was der Mensch als Geist versteht und bezeichnet auch unterschiedlich entwickelt. Wir können jetzt z.B. Kulturen betrachten die das, was wir als Geist bezeichnen als Seele bezeichnen und umgekehrt. Und wir haben in der Zwischenzeit auch viele Begriffe in der Spiritualität gebildet, im Laufe der Jahrzehnte, der Jahrhunderte, der Jahrtausende, die viele Menschen heute auch abhält sich mit Spiritualität zu befassen.
Warum?
Der östliche Mensch, der Mensch im Himalaja, der Mensch in Indien, der definiert seine Spiritualität z.B. über völlige Anspruchslosigkeit. Auch viele Strömungen, wie Franziskaner und Benediktiner haben die Spiritualität immer über vollkommene Anspruchslosigkeit definiert. Der Mensch in der Moderne, der westliche Mensch, der definiert sich aber in erster Linie über seine Ansprüche. Ich habe etwas, also bin ich wer. Und natürlich erschreckt eine Spiritualität die von Vorne herein an den Menschen die Forderung stellt, auf all diese Ansprüche zu verzichten. Das erschreckt. Das macht natürlich Angst.
Es ist auch die Frage, muss man überhaupt auf sein Anspruchsdenken verzichten, um einen spirituellen Lebensweg zu gehen, oder gibt es nicht auch eine Lösung, die sozusagen, diese beiden Wege sich auf der halben Strecke treffen lässt. Das wir einerseits natürlich ein Leben weiter leben können, wo wir über unsere Ansprüche unser Selbst definieren. Die Frau, die Selbständigkeit gewinnt, dadurch das sie einen Job hat. Der junge Mensch der ein Stück Selbständigkeit gewinnt und sein Ich-Bin stärkt indem er seinen Führerschein macht, ein Auto hat, ein Stück Freiheit gewinnt usw. Wir verbinden ja auch einen großen Teil unseres Selbstwertes über die Widerspiegelungen, die wir von uns Selbst haben über unsere Ansprüche. Und vor 2000 Jahren ist aber schon ein Mensch über die Erde gelaufen - und erschrecken sie nicht, diese Thematik hat jetzt nicht ausschließlich etwas mit christlichem Denken zu tun. Wir ziehen, nun sagen wir einmal, um Dinge verständlich zu machen, Aussprüche die den Kontext geprägt haben her, denn das ist leichter verständlich, als wenn man irgendeine hinduistische oder vedische Botschaft nehmen würden, oder eine sufische Botschaft.
Aber vor 2000 Jahren ist ein Mensch über diese Erde gelaufen, der hat einen sehr interessanten Spruch geprägt und der heißt:
Lebt in dieser Welt, aber seid nicht von dieser Welt.
Was heißt der erste Teil dieses Satzes? Lebt in dieser Welt.
Diese Welt ist Anspruchsdenken, denn der Star oder die Amsel, die wir da im Frühling jetzt zwitschern hören, die zwitschern nicht nur aus reiner Freude, sondern sie erheben mit ihrem zwitschern Anspruch auf ein bestimmtes Gebiet. Der Hund der bellt, der bellt weil er seinen Anspruch verteidigt, sein Revier. Anspruchsdenken existiert überall, wo Welt existiert. Jedes noch so kleine Lebewesen, beansprucht einen bestimmten Lebensraum für sich und ist auch bereit ihn unter Umständen vor Eindringlingen zu schützen, sprich auch zu verteidigen.
Also Anspruchsdenken ist ein Teil unserer Natur, nämlich unserer weltlichen Natur. Es gehört zu uns mit dazu, es ist ein wesentlicher Teil. Wir können diesen Teil nicht einfach unterdrücken, ignorieren oder wegleugnen. Wir definieren uns als Person, wir definieren uns als Mensch, mit unseren Fähigkeiten und Qualifikationen über unsere Ansprüche. Die Fortbildungsmaßnahme, die ein klein bisschen bessere Berufsaussichten bildet und dir somit ein bisschen mehr Anspruch verschafft. Das ist ja nun einmal auch etwas, worüber sich sozusagen auch unser Ich-Bin definiert. Ich bin lernfähig. Ich bin nach wie vor noch fähig, mich zu erweitern usw. Und alles das, was wir dazu gewinnen, unser Vermögen, ein schönes Schmuckstück, das hebt unseren Wert, weil es unseren Anspruch hebt. Und das ist immer so gewesen, so dass wir oftmals sehr erschrocken sind, durch diese Vorstellung der Spiritualität mit der völligen Anspruchslosigkeit.
Die bisherigen Formulierungen der Spiritualität in ihrer Anspruchslosigkeit, wir können sie verstehen, warum sie überhaupt zusammen gekommen ist.
Wir haben auf der einen Seite Menschen, die sich nur über ihre Ansprüche definieren und die stellen eine große Mehrheit dar. Diese Menschen können wir natürlich als einen Sog, einen immensen Sog, sehen und diesem Sog haben Menschen versucht auszugleichen, indem sie sich ausschließlich dem spirituellen Leben verschrieben haben. Indem sie sich ausschließlich, in erster Linie, einem Leben verschrieben haben, das nichts mehr mit Ansprüchen zu tun hat, sondern das sich nur noch rein mit der Spiritualität befasst, weil wir in einem solchen Ungleichgewicht waren. Darum war es in dieser Zeit tatsächlich notwendig, das Gruppen sich gebildet haben, die eben das Gegengewicht zum Anspruchsdenken, nämlich die Erkenntnis unseres Spirits auch aufrechterhalten haben. Wir können noch von einer weiteren Tatsache ausgehen. Wir leben nicht ewig auf diesem Planeten. Wir haben eine durchschnittliche Lebensdauer in Deutschland, von Frauen 76 und Männer 74 Jahren. Und wir können unsere hier erworbenen Ansprüche nirgendwo hin mitnehmen. Wir können als jetzt, beim besten Willen, den vielleicht noch mit 96 Jahren erworbenen VW Golf nicht mit ins Grab nehmen, auch wenn sich natürlich ein großer Teil unseres Selbstwertgefühles sich über unser schönes, schmuckes und schickes Auto jetzt zum Ausdruck gebracht hat. Bleibt einfach letztlich und endlich eine Tatsache, wir müssen alles an irgendeinem bestimmten Punkt hinter uns lassen. Und dann erhebt sich an diesem Punkt natürlich die Frage, wer bin ich ohne alle Ansprüche?
Hört es auf? Wird einfach ein Schalter ausgeschaltet? Bin ich einfach nicht mehr existent?
Und Spiritualität hat ja als Aussage, als Grundlage, als Zielsetzung, dem Menschen den Wert des Ich-Bin, das Jenseits von Anspruchsdenken liegt, innerhalb dieses Lebens nahe zu bringen, so das wir vorbereitet sind, wenn wir eines Tages gehen müssen, das uns dann nicht sozusagen der Schlag trifft, sondern wir irgendwo während dieses Lebens schon eine Ahnung davon bekommen, worauf wir, oder worauf uns dieses Leben, mit seinen 70,76,78 vielleicht auch 80 Jahren in manchen Fällen vielleicht auch nur 30 Jahren, vorbereiten will.
Wir sind hier sozusagen nur Gäste auf der Durchreise. Und es hat ja einen Sinn, warum wir hier sein sollen. Wir haben ja einen Sinn, der sich nicht nur dadurch definiert, dass wir hier unser Anspruchsdenken zur Entfaltung bringen. Das ist der eine Teil unserer Wirklichkeit, der natürlich zu uns dazu gehört, wie es zu jedem lebenden Wesen auf diesem Planeten dazugehört, einen Teil eines Lebens über seine Ansprüche zu definieren. Wir sind darauf angewiesen. Das ist die Wurzel unseres Denkens, das ist die Wurzel unserer Erkenntnis, das ist die Wurzel unserer Definition. Die können wir nicht umgehen, ähnlich einer Pflanze, der ich die Wurzeln abschneide, sie wird nicht mehr weiter wachsen. Wir brauchen also unsere Wurzeln. Wir müssen fest verwurzelt sein, auch in unserem Anspruchsdenken.
Und der Weg den wir hier thematisch vorstellen wollen - wir in dem Fall, ich stehe hier sozusagen stellvertretend für einen existierenden Verein, der sich damit befasst, diese spirituelle Lebensthematik unter Berücksichtigung und unter Beibehalten unseres Anspruchsdenkens, sprich unserer beruflichen Situation, unserer familiären Situation, mit unseren Freunden, unseren Hobbys, und allem drum und dran, und dennoch sozusagen in der Zielsetzung ein bisschen Zeit dafür aufzuwenden, um auch dieses ausgleichende Thema und dieses weiterführende Thema noch mitzuinstallieren.
Und Spirit ist, in dem Sinne, sozusagen die Grundlage von der wir ausgehen, deswegen heißt dieser Weg auch ein spiritueller Weg, also ein geistiger Weg. Wir gehen von der Grundlage aus, der Mensch ist geistiger Natur. Seine wirkliche Natur ist Geist.
Geist, der letztlich und endlich auch dann noch sein Sein hat, auch wenn dieser physische Körper irgendwann einmal nicht mehr sein soll. Und in unserer Arbeit geht es uns ganz einfach, schlichtweg und ergreifend um die Tatsache, ein bisschen von unserer Lebenszeit, geschickt dahingehend zu nutzen, um während dieses Lebens und innerhalb dieses Lebens wo wir uns mit unseren Ansprüchen befassen, ein klein bisschen von dem in Erfahrung zu bringen, wer oder was wir in Wirklichkeit sind, weswegen wir letztlich und endlich tatsächlich hier sind. Was unsere eigentliche Aufgabe ist, worum es in diesem Leben tatsächlich gehen sollte.
Und da jeder Mensch in jedem Kontext, in jeder kulturellen Erscheinungsform die selbe Grundlage hat, nämlich geistige Natur ist, ist diese Botschaft keine religiöse Botschaft, sie ist auch keine kulturell gebundene Botschaft, oder an einen bestimmten Kontext gebundene Botschaft, sondern sie ist letztlich und endlich eine universelle Botschaft. Natürlich haben wir Europäer einen kulturellen Kontext entwickelt, der geprägt worden ist von vielen großen Geistern. Wir haben Schiller, Goethe, Kant, Hegel, Kleist, Nietzsche, Rudolf Steiner. Wir haben auch Frauen, die sich an der Bildung dieses Kontextes beteiligt haben. Hildegard von Bingen z.B. um eine ganz bekannte zu erwähnen und andere. Die haben hier dieses Denken und dieses Wirken mitgeprägt. Die haben dazu beigetragen, diesem Kontext sozusagen seine eigenen Rhythmen zu verschaffen und sein eigenes Bild von dem zu verschaffen, was wir hier in Europa als Geist definieren, als den geistigen Menschen definieren. Wir müssen uns in der Materie nicht auskennen, es ist nicht notwendig zu wissen, wer diesen Kontext hier geprägt hat, und wie diese Vorstellungen sich geprägt haben, hier im Einzelnen, denn das spielt für uns jetzt nicht die wesentliche und ausschlaggebende Rolle.
Wir müssen nur eins verstehen, wenn wir in einem Kontext groß werden, dann tragen wir auch sein Erbe in uns drin. Genetisch, d.h. wir können uns der Dalai Lama sagt z.B. immer wieder: Leute bleibt in eueren Religionen, bleibt in euerem Kontext, ihr könnt keine Buddhisten werden, denn ihr habt das Erbmaterial, ihr habt den Rhythmus der Kultur gar nicht in euch drinnen. Der Buddhismus ist über zich Jahrtausende entstanden, genauso wie unser kultureller Kontext über zich Jahrtausende entstanden ist. Man kann nicht einfach einen Menschen, einen europäischen Menschen, hier heraus rupfen und nach Vorderasien oder Mittelasien verpflanzen und dann sagen: Nun mach mal. Das wird schon einmal schwierig, denn schau dir nur einmal ein Thema an: die Inder und der hinduistische Mensch meditiert im Lotussitz. Welche Europäer nun ist in der Lage, beide Beine so zu verschränken, zu verkreuzen und dann ganz entspannt im Hier und Jetzt zu sitzen. Das wird dir sicherlich auch ein Lächeln abgewinnen, aber dieses Lächeln wird etwas eigenartig sein. Es wird eine gewisse Schmerzverzerrung zum Ausdruck bringen, weil uns das schlichtweg und einfach nicht möglich ist. Darum befassen wir uns mit einem Weg, der unserem Rhythmus hier, unser kulturelles Erbe, unser genetisches Erbe mit einbezieht. Der den Menschen so nimmt, wie er hier nun einmal geschaltet ist, mit seinem inneren Rhythmus mit seinem inneren kulturellen und geistigen Werten und deswegen bleiben unsere Assoziationen weitestgehend auch in unserem Kontext, obwohl wir natürlich auch ab und an übergreifend uns z.B. ein Zitat aus einem anderen Kontext hernehmen.
Jesus hat vor 2000 Jahren diese Geistigkeit des Menschen, diese universale Geistigkeit des Menschen bestätigt, in dem er gesagt hat:
Ihr seit alle Söhne und Töchter des Geistigen, des höchsten schöpferischen Geistes. Buddha hat etwas Ähnliches mit anderen Worten zum Ausdruck gebracht. Er hat gesagt:
In jedem steckt die Buddhanatur.
Das sind zwei völlig unterschiedliche Kontexte, trotzdem ist die universelle Erkenntnis im Hintergrund bei beiden die gleiche gewesen.
Und wir wollen heute natürlich aus einem westlichen Menschen, der auch einen großen Teil seiner Zeit damit beschäftigt ist, die Ansprüche zu verifizieren, sprich seiner Berufstätigkeit nachzugehen, Zeit mit seiner Familie zu verbringen, seinen Hobbys nachzugehen usw. Wir wollen aus einem solchen Menschen hier in dieser europäischen Sphäre, keinen Yogi machen. Niemand von uns kann sich 24 Stunden am Tag einer Thematik widmen, z.B. daran zu arbeiten Yogi zu werden. Das ist einfach schlichtweg unmöglich, das geht nicht. Wie es uns auch unmöglich ist, uns jeden Tag 13 Stunden hinzusetzen und zu meditieren. Wir haben die Zeit ganz einfach nicht. Wir haben in Deutschland die Situation, das wir wieder mehr arbeiten sollen, wie das bislang der Fall war und dann kommt auch noch irgendeiner und sagt dir, ja wenn du jetzt deine geistige Erkenntnis haben willst, ist ganz einfach. Meditiere einfach 18 Stunden. Das machst du einmal 10 Jahre lang und dann hast du die universale Erkenntnis mit Sicherheit in der Tasche. Das mag sicherlich aus einer gewissen Perspektive richtig sein, es hat nur einen Haken, es ist nicht ausführbar. Deswegen haben wir einen Weg formuliert, der es uns möglich macht, innerhalb unserer ganzen Interessen - die unser Anspruchsdenken auf der einen Seite natürlich verifizieren und auch der Zeit, die wir dadurch aufwenden müssen, um unserem Anspruchsdenken in jeglicher Form auch nachgehen zu können - mit ein klein bisschen Zeitaufwand, etwas zu installieren, so das wir nach und nach auch mit unseren ganzen Bedürfnissen, mit unserer Familie, mit unserem Beruf, mit unseren Hobbys, mit unserem Schmuck und auch mit unserem Kontovermögen, diesen Weg gehen können.
Wir haben eine Gruppe gegründet, die seit drei Jahren mit dieser Thematik unterwegs ist, mit sehr guten Erfolgen, wie ich sagen darf. Die trifft sich zu einem Thematisierungsabend am Donnerstag für 2-2,5 Stunden und am Dienstag zum Praxisabend. Das muss auch nicht jede Woche sein. Das genügt also auch, wenn man da ab und zu einmal kommt. Wir haben ab und zu einmal an einem Wochenende ein Seminar, oder an einem Wochenende eben eine bestimmte Arbeit, was auch nicht jedes Wochenende stattfindet, sondern das kommt auch in unregelmäßig, regelmäßigen Abständen, so das an den anderen Wochenenden genügend Zeit bleibt um sich mit Freunden, Familie, Hobbys oder anderen Tätigkeiten usw. zu beschäftigen. Und es ist uns wichtig, das wir dieses Anspruchsdenken des Menschen würdigen. Das wir das Anspruchsdenken des europäischen, des modernen Menschen integrieren in unsere Arbeit. Das wir dieses Anspruchsdenken respektieren und achten, jeden in seiner Art und Weise. D.h. wir müssen auch keinen bestimmten Anspruch erfüllen, um diesen Weg überhaupt gehen zu können. Dieser Weg ist letztlich und endlich für jeden etwas, denn jeder von uns ist in seiner Natur Geist. Ein Mensch der dazu durchgedrungen ist, aufgrund seiner Erfahrungen im eigenen Lebensweg, kann das in jedem von uns ganz klar erkennen und verifizieren, das ist kein Thema, da müssen wir auch keine große Philosophie darum machen. Dieser Weg ist auch gangbar, egal welcher Religionszugehörigkeit. Denn dieser Weg, das geistige Potential eines Menschen herauszuarbeiten, die geistige Essenz sozusagen in das Bewusstsein zu heben, hat nichts mit Religionen zu tun, es sei denn wir verstehen Religion im eigentlichen Sinne des Wortes. Religio aus dem lateinischen übersetzt heißt: Rückerinnerung, Rückverbindung. Und an was erinnern?
Wir sind in diese Welt hineingekommen und haben uns mehr oder weniger vom ersten Augenblick an damit beschäftigt, unseren Anspruch zu sichern. Als Kinder in der Familie. Wenn du ein Einzelkind warst, hast du Glück gehabt, da hast du den Anspruch auf die ganze Liebe deiner Eltern gehabt. Hast du eine Schwester, hast du schon ein Problem. Musst du dir den Anspruch schon mit jemandem teilen, was zu Streitereien führt.
Das heißt aber, dass unser Bewusstsein vom ersten Augenblick an, sozusagen in Beschlag genommen worden ist, sich mit diesem Anspruchsdenken zu befassen. Und wir uns bis zum heutigen Tag in erster Linie, fast ausschließlich über dieses Anspruchsdenken definiert haben.
Jetzt haben wir aber im Augenblick die tatsächliche und konkrete Situation auf dem Planeten, dass diese Ansprüche, die wir uns erworben haben, sehr gefährdet sind. Sie sind gefährdet, wir sehen es überall wie schnell das gehen kann, wie schnell ein Land in Chaos und Armut versinken kann, wir brauchen ja bloß jeden Tag die Nachrichten anzusehen. Wir haben heute die Situation in Deutschland, das Berufsbilder plötzlich wegbrechen. Jemand der gestern noch Setzer war, der ist heute berufslos. Jetzt habe ich mein ganzes Leben lang mich selbst definiert, z.B. über meinen Beruf. Jetzt kann ich vielleicht, weil ich schon 50 oder 54 Jahre alt bin - ich könnte vielleicht noch umlernen, was schwer für mich ist, aber würde es noch einen Sinn machen. Bis ich umgelernt habe, bin ich schon fast im Rentenalter. Und somit kann sich der Mensch durch diese schnellen Wechsel, die heute in diesem Anspruchsdenken ganz einfach jetzt von statten gehen, und wo wir auch nicht wissen, auf was haben wir morgen noch Ansprüche; die politische Lage, die wirtschaftliche Lage ist unsicher. Immer mehr Menschen kommen, mit diesen wechselnden Ansprüchen und auch mit diesen fragwürdigen Ansprüchen, oder diesen in Frage gestellten Ansprüchen heute, auch in eine Sinnkrise hinein.
Und das betrifft jetzt nicht nur den kleinen Arbeiter am Arbeitsplatz in der Firma XY, wo seit Wochen der Konkurs zur Frage steht, wo Arbeitsplätze gefährdet sind, wo sich jeder fragt, wie geht es danach weiter, wo Existenzen, Familien, alles auf der Kippe steht. Sondern es betrifft heute auch Manager, denn auch dort hält hire and fire Einzug. Wer heute Top war ist morgen Flop, und dann steht er da und kann sich neu definieren. Er muss eine neue Definition von sich selber finden. All diese in Frage gestellten Ansprüche machen uns natürlich auch in einer gewissen Weise Angst, denn wir haben uns ja über unsere Ansprüche definiert. Und wir definieren uns ja auch über diesen Anspruch den wir haben. Bricht das jetzt weg, oder wird das in Frage gestellt, dann ist das natürlich für uns keine Kleinigkeit, das ist kein Zuckerlecken.
Und wir haben gesagt, diese Welt ist Anspruchsdenken und so können wir doch eins klar erkennen. Hätten wir in uns einen Wert, der uns ein Ich-Bin definieren lässt, das nicht mehr so abhängig vom Anspruchsdenken ist, dann hätten wir in uns ein echtes Gegengewicht.
Ein echtes Gegengewicht, und wir bräuchten nicht mehr so verbissen an unseren Ansprüchen zu hängen, denn wir könnten sagen: Gut, wenn ich es habe ist es gut. Wenn ich es nicht habe, ist es auch gut. Vielleicht kriege ich es irgendwann wieder.
Wir wollen eine Spiritualität kultivieren, die jetzt nicht irgendwo, sagen wir einmal neue Logen hervorbringt, wie Rosenkreuzer, oder Freimaurer, oder neue Gruppierungen hervorbringt, wie Scientology oder sonst irgendwas.
Wir wollen eine Spiritualität etablieren, die uns hilft ein Gegengewicht zu finden, so dass wir als einfache Menschen ein echtes Gegengewicht zu dem finden, was uns unser Anspruchsdenken bislang als Definition, als Werte gebildet hat, worüber wir uns definieren konnten, wo ich sagen konnte, das Bin Ich, denn das habe ich. Ich bin Vater, denn ich habe Kinder. Ich bin Mutter, denn ich habe Kinder. Ich bin Chef, ich habe eine Firma.
Aber was ist, wenn das alles wegfällt? Wer bin ich dann noch? Was habe ich dann noch? Dann kommt ein großes Fragezeichen, und das macht uns natürlich Angst.
Und uns geht es darum, sozusagen mit diesem Fragezeichen im Leben zu arbeiten und uns einen Wert nahe zu bringen, der uns mit unseren Ansprüchen sein lässt. Und wenn einer weg bricht, dann werde ich auch nicht nervös und unruhig, denn ich habe einen Wert, auf den ich zurückgreifen kann, eine Konstante innen drin. Die Unwandelbar ist. Die nicht davon abhängig ist, diese Erkenntnis und diese Definition, das Ich-Bin im Spirituellen. Sie hat nichts mehr damit zu tun, wer ich außen bin. Welche Berufstätigkeit ich ausübe. Welchen gesellschaftlichen Stand ich habe. Wie viele Autos ich fahre und welche S-Klasse oder E-Klasse das nun einmal ist, oder ob ich keins besitze und Radfahrer bin, oder gar noch mit der Straßenbahn fahren muss.
Und wir wollen eine Hilfestellung geben, einen Weg zu finden, der uns eine Definition möglich macht, ein Ich-Bin zu definieren, das uns unabhängiger von diesem Anspruchsdenken macht. Nicht befreit. Wir wollen niemanden aus seinem Anspruchsdenken herausheben. Wir respektieren das Anspruchsdenken des Menschen, denn es hat ja seinen Grund, warum wir dieses Anspruchsdenken haben. Der Kosmos hat sich ja was dabei gedacht, als er den Menschen geschaffen hat, eben auch mit der Seite, das er Dinge in Anspruch nehmen kann. Denn es gibt ja auch noch etwas anderes. Wenn wir Dinge nicht in Anspruch nehmen, kann das auch verkehrt sein. Was hat den Farbigen damals in die Sklaverei gebracht und was hat diesen Prozess wieder umgekehrt? Er hat seinen eigenen Wert nicht definieren können. Er hat keine Ansprüche erhoben. Das hat ihn anfällig gemacht, unterjocht zu werden. Und diese Anfälligkeit wurde natürlich von denen, die sich dann als Herrenmenschen aufgespielt haben, ausgenutzt. Also, wenn ich einen Anspruch in diesem Leben habe, wenn er mir zusteht und ich ihn nicht in Anspruch nehme, weil ich aus irgendeinem Grund mir meines Wertes nicht bewusst bin, kann das auch verheerende Folgen haben. Es ist wichtig, wir sollen unsere Ansprüche geltend machen. Wir haben ein Recht auf Existenz. Wir haben ein Recht auf Anspruch, denn das Recht auf Existenz ist das Recht auf Anspruch. Jeder Mensch der geboren wird, hat das Recht versorgt zu werden, denn am Anfang sind wir ja hilflos. Das ist ja auch ein Anspruch, da geht es schon los. Mit dem ersten Augenblick haben wir das Anspruchsdenken schon in uns. Und wir haben, und das ist in den Menschenrechten auch so definiert, wir haben laut Menschenrechte sogar ein Recht auf ein humanes, auf ein menschenwürdiges Leben. Dazu gehören nun einmal bestimmte Ansprüche. Es ist nicht menschenwürdig, wenn ein Mensch Wasser aus irgendeiner Regenpfütze trinken muss, in die vorher vielleicht noch ein Hund hineingepinkelt hat.
Das ist nicht menschenwürdig. Wir brauchen bestimmte Ansprüche. Wir brauchen ein bestimmtes Niveau, um ein menschenwürdiges Leben leben zu können. Aber wir brauchen eben auch einen Gegenwert dazu, dass wir uns nicht in dieses Anspruchsdenken so versticken und so verlieren, das wenn die Ansprüche dann in Frage gestellt werden, wir in Panik geraten.
Also würde uns doch ein lockererer Umgang mit unserem Anspruchsdenken auch helfen, viele Dinge, die wir als Probleme in der Alltagswelt haben, anders anzugehen. Machtkämpfe zu vermeiden. Machtkämpfe am Arbeitsplatz zu vermeiden, um einen Anspruch, weil ich irgendwie Wind davon bekommen habe, da will einer meine Position und sägt schon kräftig an meinem Stühlchen. Jetzt fange ich natürlich an zu schießen und zu attackieren, weil ich mein Revier verteidige. Um wie viel anders würde das ausschauen, wenn wir einen echten Gegenwert in uns besitzen würden, der uns dieses Spiel ganz einfach aus einer anderen Warte betrachten ließe. Die Welt würde, so wie es sich mir zeigt, friedlicher werden, und ich meine das jetzt nicht nur in den großen Gedanken.
Wir möchten etwas anbieten, eine Arbeit im Kleinen anbieten. Nicht die großen Welterlösungsthematiken, das Welterrettungsszenario, sondern wir wollen auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Wir wollen uns mit dem Menschen hier in seinen kleinen Situationen befassen. Mit unserem kleinen Anspruchsdenken, mit den Problemchen, die das Denken einmal auslöst, und mit den Menschen in erster Linie, der auch in seinem Spirit ist, in seiner grundsätzlichen Natur. Also ein Ich-Bin definieren kann, das jenseits von Ansprüchen liegt.
Und dieser Weg der wird uns dann sozusagen dazu führen, dass wir viele Dinge einfach auch gelassener betrachten können. Situationen die auf uns zukommen, wenn wir z.B. in die Situation kommen, zwischen zwei Jobs einmal arbeitslos geworden zu sein, wo ich sonst in ein tiefes Loch fallen würde, in eine Depression hinein fallen würde, weil ich niemand mehr bin, keinen Wert mehr besitze, weil ich mir das eben einrede. Ist ja auch schwierig, ich meine jeder der in diesen Topf hineinfällt: die Arbeitslosen sind ja nur noch die Schmarotzer der Gesellschaft. Bloß sagen wir einmal, bräuchten wir halt auch, um diese Thematik zu ändern, bräuchten wir mindestens auch 5 Millionen Arbeitsplätze mehr, dann hätten wir die Thematik ganz schnell wieder beseitigt.
Und wir wollen, mit einem minimalen Aufwand, sozusagen ein maximales Ergebnis erzielen. Eine Installation, die die Blickperspektive auf ein Thema richtet, das wir nicht schaffen brauchen, denn der Mensch ist geistig und spirituell gesehen, bereits vollkommen. Weil die Schöpfung nur Vollkommenheit herstellt. Das ist jetzt vielleicht etwas, was man jetzt so im ersten Moment nicht glauben mag. Man sagt: der spinnt ja, schau dir einmal alles an. Aber was meine ich damit?
Nehmen wir einen keinen Eichelsamen, der ungefähr 3 cm groß ist. In diesem kleinen Samen, ist der vollkommene Bauplan für den gesamten Baum. Der ist bereits drin. Den muss niemand machen. Da muss niemand kommen und muss da noch irgendetwas dazu geben. Da braucht auch niemand kommen und irgendetwas wegnehmen. Jesus hat gesagt:
Seid vollkommen, wie euer Vater im Himmel vollkommen ist.
Und er hat gesagt: seid vollkommen nicht werdet vollkommen. Dieser kleine Same ist bereits vollkommen, er muss nur aufplatzen und wachsen. Dazu braucht er eine bestimmte Nahrung und diese Nahrung, wenn die nicht vorhanden ist, dann wächst er natürlich auch nicht, weil der Mensch ist auch, zumindest was seinen psychologischen Teil betrifft, ein Teil dieser Natur. Wir müssen unsere Natur auch pflegen, mit den dementsprechenden Nahrungsmitteln, damit der Körper funktioniert, das wissen ja alle. Es ist jetzt auch so, jetzt geben wir einmal einen Gärtner den Samen. Der weiß sofort was er damit zu machen hat. Jetzt gebe einmal einem Automechaniker denselben Samen und der denkt sich, den pflege ich jetzt auch und drückt ihm vielleicht noch in die Erde hinein, und weiß jetzt aber nicht das er noch Wasser zum gießen braucht. Weil er Automechaniker ist, denket er, im Auto funktioniert es ja auch mit Öl und schüttet Öl hinein. Jetzt wird er natürlich lange warten, bis da irgendetwas wächst, weil natürlich das Pflegemittel bei aller Liebe das Falsche war. : )
Mit Öl können wir es nicht zum wachsen bringen, wir brauchen Wasser. Wir brauchen das Wasser des Lebens sozusagen, als Essenz, als Geistessenz. Geistessenz lässt Geist wachsen. Nicht das er geschaffen werden muss, und nicht das irgendetwas daran getan werden müsste. Wir haben diesen Weg, zu unserer spirituellen Verwirklichung, jeder von uns bereits vollkommen in sich liegen, so wie in diesem Eichelsamen der vollkommene Bauplan für die gesamte Eiche da ist. Die Eichel braucht bloß den richtigen Platz und das richtige Pflegemittel, dann wächst die auch ganz von selbst. Auch da müssen wir nicht großartig etwas dazu tun. Natürlich ein Gärtner, der weiß, dass er diesen Vorgang auch unterstützen kann. Der sieht z.B. wenn irgendwelche Wildwüchse aufkommen, die der Pflanze unnötige Energie kosten würden, die zwickt er halt vorsichtshalber schon einmal ab. Der weiß ganz genau, wenn da bestimmte Dinge erscheinen, dann kann das zu Krankheiten führen, die den Baum schwer schädigen und er hat natürlich auch noch, als guter Gärtner, die Tricks und Tipps parat, die das Ganze ein bisschen schneller wachsen lassen, als wenn der Baum jetzt da draußen stünde, der Natur überlassen und keiner würde etwas machen.
Also grundsätzlich können wir sagen, wir werden als Menschen und als Menschheit irgendwann unseren Weg sowieso finden, denn das Potential zu unserer spirituellen Vervollkommnung ist ja in jedem Einzelnen von uns drin, nur einfach dort draußen, in der so genannten freien Natur, die heißt für uns Evolution, und wir wissen ja, die Evolution ist extrem langsam, das dauert alles ein bisschen in der Evolution, und wir werden auch da unseren Weg gehen.
Aber wir können natürlich auch eine Situation aufsuchen, in der wir ein bisschen an den Idealdünger drankommen, so dass die Dinge dann ein wenig schneller gehen. Denn ein zweites ist es ja auch mit uns Westlern, muss ich jetzt einmal sagen; einem Inder, dem sagt man, setze dich im Yogasitz die nächsten 30 Jahre hin und du wirst wachsen. Der glaubt das und der macht das auch. Und erstaunlicher Weise funktioniert es. Bloß setz jetzt einmal einen Deutschen hin, bloß einmal eine halbe Stunde auf einen Stuhl und er ist schon nervös. Oh, da merkt er, fängt es da hinten schon das Zwicken an und dann sind die Stühle jetzt nicht gerade bequem. Könnten auch bequemere Stühle hineinstellen. Haben wir schon wieder das Anspruchsdenken, und jetzt tut sich da nicht gleich etwas. Jetzt ist das Ergebnis nicht gleich, sozusagen innerhalb von den nächsten 15 Minuten verifizierbar, dann werden wir schon wieder nervös, weil wir die Zeit nicht haben.
Spirituelles Wachstum, aber am Besten gleich, und das auf einen Schlag. Es ist jetzt aber so, dass wirkliches Wachstum im Leben, das wissen wir alle, dauert. Unsere Kinder sind nicht 18 Jahre alt geworden in 5 Minuten. Das hat 18 Jahre gedauert. Und bis sie selbständig geworden sind, hat vielleicht noch ein wenig länger gedauert.
Diese Dinge, die dauern alle ein kleines bisschen. Im realen Leben geht es nicht schnipp und dann ist es einfach da. Wachstum, wirkliches Wachstum dauert ein kleines bisschen.
Und unsere Arbeit zielt auch nicht darauf hin ab, da einen einzigen riesigen Big Bang zu installieren und dann machst du einmal Bang, und dann aahh und dann ah
dann kommt das äh
und wie geht es jetzt weiter?
Wir haben nämlich eines festgestellt, diese Thematik die hat ja auch einen negativen Ruf. Immer wieder hören wir von Menschen, die in psychiatrischen Anstalten landen. Immer wieder hören wir von Menschen, die zu irgendeinem Guru rennen, ein Mantra kriegen und dann durchdrehen. Erstens einmal, haben wir die Thematik schon vorhin angesprochen, wenn ein Deutscher jetzt natürlich meint, er muss nach Indien rennen und sich einen indischen Guru suchen, der mit indischen Methoden arbeitet, da brechen im da, irgendwann sämtliche Assoziationen weg, denn er ist kein Inder. Das wird ihn in Schwierigkeiten bringen. Also warum nach Indien reisen, wenn man das auch in Deutschland machen könnte. Wenn wir innerhalb unserer Assoziationen bleiben könnten, innerhalb unseres kulturellen Kontextes bleiben könnten.
Das zweite ist, viele dieser Arbeiten basieren darauf, dass einmal ein Wochenende etwas initiiert wird. Meistens für sehr teureres Geld, das schier fast nicht mehr bezahlbar ist, und dann bleiben die Menschen sich selbst überlassen. Da wird etwas in ihnen in Gang gesetzt, aber da ich mir in dieser Thematik noch nicht sicher bin, weiß ich natürlich nicht, wenn ich dann wieder von dem Seminar heimkomme und dann wieder in meiner Alltagswelt drin bin, wie soll ich mich jetzt da weiter verhalten.
Deswegen zielt unsere Arbeit auf längerfristige Begleitung ab. Wir haben eine Arbeit ins Leben gerufen, die nicht mit einem Wochenendeffekt arbeitet, sondern die sich eignet, den Menschen langfristig zu begleiten, durch all die Momente hindurch, die natürlich entstehen können. Die Schwierigkeiten, die Unsicherheiten, die natürlich auch entstehen können, wenn mir irgendwo auf diesem Weg ein Anspruch weg bricht, und ich dann natürlich irgendwie versuche, mein Ich-Bin neu zu definieren und im ersten Augenblick nicht weiß, wie ich das machen soll.
Und wir wollen natürlich mit der Arbeit, die wir machen, eine Definition von uns finden, die es uns möglich macht, in einer solchen Situation wo etwas wegbrechen kann, Grundlagen und Werte zu geben, das er dann in dem Augenblick weiß, wohin er zu blicken hat, um ein Ich-Bin zu definieren, das ihn unabhängig von dieser Situation noch einen Selbstwert behalten lässt, und vielleicht nicht nur behalten lässt. Denn wir haben auch in der Geschichte der spirituell erwachten Menschen festgestellt, sie haben in den Augenblicken, wo ihnen ihre Ansprüche weggeplatzt sind, nicht nur den Selbstwert behalten, sondern sie haben genau die Situation oftmals genutzt, noch größere Kompetenz zu entwickeln, sich noch tiefer in diese Thematik hinein zu begeben. Und danach noch stärker aus dieser Situation hervor zu kommen, wie sie vorher hinein gegangen sind. Uns geschieht, wenn uns irgendwo eine Assoziation weg bricht, das wir in ein Vakuum laufen. Uns geht es so, bricht uns etwas weg, brechen wir daran meistens innerlich zusammen.
Haben wir aber eine andere Perspektive gewonnen, haben wir den Punkt in uns gefunden, bricht uns dann etwas weg, und gehen wir durch die Situation hindurch, dann kommen wir stärker aus der Situation heraus, als wie wir dort hinein gegangen sind. Diesen Weg können wir ganz klar definieren, als einen Weg der Umkehrung. Es ist eine Umkehrung des Prozesses, den wir vorher erlebt haben.
Um diese Arbeit geht es uns, und das ist nun einmal eine Arbeit, die sich mit vielen Facetten befassen muss, mit den ganzen Facetten des täglichen Lebens befassen muss. Mit den Facetten der Assoziationen, die der Einzelne hat, denn wenn ich jetzt z.B. einen einzigen Begriff in den Raum hinein stelle: Ich bin Deutscher. Ich bin mir sicher, wenn ich jetzt, sagen wir einmal, fragen würde, wie definiert das jeder einzelne für sich, wird jeder eine unterschiedliche Antwort geben. Jeder. Weil jeder einen andere Assoziation dazu hat. Und die Arbeit ist natürlich insofern ein bisschen schwierig, weil auch da jeder Mensch anders assoziiert, andere Begriffe und Begrifflichkeiten in sich drin hat. Selbst das Wort Spiritualität löst in jedem Menschen eine andere Assoziation aus, jeder denkt ich spreche von dem, was ich gerade assoziiere, aber vielleicht spreche ich von ganz etwas anderem. Unser Weg hat nichts mit Frömmigkeit zu tun. Nichts mit Religiosität. Nicht mit alledem. Wenn es zu dem Anspruch eines Menschen gehört, am Abend ein, zwei Bierchen zu trinken, dann darf er das doch gerne weiter behalten. Und wenn einer sagt, nein Bier das ist ein zu billiges Getränk, ich brauche meinen Rotwein, dann ist auch das in Ordnung. : )
Uns geht es nicht darum, den Menschen erst in eine bestimmte Ausgangsposition hinein zu zwingen, damit er überhaupt einen Weg gehen kann, sondern wir sagen, der Mensch ist in Ordnung, so wie er ist. In seiner Situation, wo er gerade ist, denn auch dort ist er ja Spirit. Ich muss den Spirit nicht erst schaffen, er ist ja bereits in jedem vollkommen da. In jeder Situation. Es geht nicht darum, irgendwo außergewöhnlich eine Situation zu schaffen, die uns dann erst einmal, irgendwann in einer fernen Zukunft, erlaubt einen Weg zu gehen, sondern es geht uns darum, mit dem Menschen in seiner Situation, wo er gerade, in seiner ganzen Lebenssituation, steckt, zu arbeiten und davon auszugehen, irgendwie hat das alles seinen Grund. Und es hat seinen Grund. Und auch diesen Grund werden wir irgendwann erfahren. Wir werden wissen, warum wir wirklich hier sind. Denn wir haben nicht nur ein Schicksal, sondern dieses Schicksal ist ja nur die eine Seite der Medaille, denn wenn wir diese Medaille drehen, dann steht auf derselben Münze, auf der anderen Seite etwas anderes.
Wir haben auch eine Bestimmung.
Wir sind nicht nur ausschließlich da, um von diesem Schicksal eins nach dem anderen auf die Mütze zu kriegen, sondern wir haben auch eine Bestimmung. Wir haben einen Zweck, zu dem wir hier sind und es gibt auch, sagen wir einmal im höheren Sinne einen Sinn. Einen Sinn den wir vielleicht nicht auf der sinnlichen Ebene verstehen können, aber wenn wir auf die geistige Ebene übersetzten könnten, und uns als Geist definieren könnten, und uns als geistiges Wesen begreifen und verifizieren könnten, wenn wir tatsächlich, nicht philosophisch - das hier ist keine Philosophie - wenn wir tatsächlich in die Erfahrung kommen, ich bin ein spirituelles Wesen, und wenn diese Erfahrung mein ganzes Bewusstsein einnimmt - und das sind wir ja, in unseren wahren Natur. Jeder von uns, und wenn wir diese Erfahrungen in unser Leben integrieren können, in mir selbst verifizierbar, nicht abhängig von irgendeinem Priester, nicht abhängig von einem Guru oder Meister.
Wir arbeiten weder mit Gurus noch mit Meistern, noch mit irgendwelchen Dingen aus irgendwelchen Hierarchien. Ich bin sozusagen in meiner Funktion auch nur Wegbegleiter. Ich bin halt, sagen wir einmal, schon ein bisschen länger in der Thematik unterwegs und mir sind sozusagen ein paar Schleier von meinen, damals noch blinden und trüben Augenlicht weggefallen, dass ich das in einer erstaunlichen Klarheit selber sehen kann. Und nicht nur in mir. Sondern in jedem hier. Man kann dieses Wirken verifizieren. Es ist vorhanden. Es muss nicht geschaffen werden.
Wenn ich zu dieser Einsicht komme, und auf diese Einsicht in jeder Lebenssituation darauf zurückgreifen kann, das ich einen Raum in mir habe, wo ich auf ein Ich-Bin zurückgreifen kann, in meiner ganzen vollen Wertigkeit, in meinem ganzen Daseinszweck und auch in meinem höheren Daseinssinne, dann kann ich auf die eine Assoziation, die dann gerade weg bricht verzichten, ohne in Schwierigkeiten zu geraten. Ich kann einen anderen Umgang mit den Ansprüchen dann pflegen. Ich werde nicht mehr so verbissen an meinen Situationen hängen und an dieser Definition.
Wir sagen, gehe deinen Weg und alles andere wird dir letzthin und endlich zufallen und du wirst an einen Punkt kommen, wo du einfach feststellst, das brauche ich gar nicht mehr. Wenn dann aus der Situation heraus, weil ich eine innere Gelöstheit gefunden habe, und weil ich mich nicht mehr permanent selber beruhigen muss, mit meinen vielen Bier am Abend, wenn ich dann ein paar weglasse, und nur noch zwei trinke und mir das dann langt, dann ist es doch in Ordnung.
Das hat nichts mit einem du sollst zu tun, das hat nicht mit einem du musst zu tun, sondern das sind nur Folgeerscheinungen der Entspannung die dann einsetzt, wenn ich meinen Wert anders definieren kann.
Um diese Arbeit geht es uns.
Auszüge aus dem Vortrag: Spiritualität und der Mensch in der Moderne
Redner: Henry Weinbach
gehalten an den Naturheil- und Vitaltagen, am 3./4. April 2004 in Fürth
überarbeitet von Sanne Viks-Hager
